Der Künstler und das blaue Pferd (Eric Carle)

Ein Künstler malt ein blaues Pferd, eine fröhlich gelbe Kuh und viele weitere leuchtend farbige Tiere noch dazu. Alle in der ausdrucksstarken Handschrift Carles: Der beliebten Collagetechnik, in der er selbst bemaltes Seidenpapier großflächig verarbeitete.

Eingerahmt werden die farbfrohen Tierbilder von einem Kind mit schulterlangem Wuschelhaar, dunklem Teint, Unisex-Kleidung und großem Pinsel in der Hand. Es stellt sich anfangs mit den Worten: „Ich bin ein Künstler“ vor und endet mit: „Ich bin ein großer Künstler“. Welchem Geschlecht das Kind angehört bleibt dabei trotz der Wortwahl offen.

Für ein tieferes Verständnis dieses Buches ist insbesondere das Nachwort wertvoll, welches den Expressionismus historisch erklärt und sowohl Franz Marc als auch Eric Carle kurz vorstellt.

Warum dieses Buch?

Müssen Krokodile grün und Schweinchen rosa sein? – Definitiv: Nein!

Kunst ist Freiheit und eine Ausdrucksmöglichkeit des Unaussprechlichen in einer selbst gewählten Sprache. Diese Sprache darf kreativ, verspielt, unperfekt und überhaupt alles sein, was sie nur will, denn in ihr spricht die Künstlerseele.

Picasso sah in jedem Kind einen Künstler oder eine Künstlerin. Schwierig sei es jedoch Künstler:in zu bleiben, wenn man erwachsen würde. Wahrscheinlich liegt das u.a. an den vielen Bewertungen der Erwachsenen, die sich oft lobend, kritisierend oder gar strafend in Äußerungen und Ausdrucksmöglichkeiten von Kindern einmischen um diese entsprechend ihrer eigenen Werte und Wünsche zu sozialisieren.

Im Nachwort erfahren wir, dass dies in der Zeit des Nationalsozialismus besonders perfide Züge annahm. Expressionistische und abstrakte Kunst galten als entartet und wurden verboten. In diesem Klima wuchs Eric Carle auf. Als er etwa zwölf oder dreizehn Jahre alt war, tat sein Kunstlehrer etwas sehr gefährliches: Er zeigte dem jungen Eric heimlich ausdrucksstarke Werke verbotener Künstler, die dem geforderten Realismus ganz und gar nicht entsprachen.

Anfangs erschütterten den jungen Eric diese Bilder und er fürchtete sein Kunstlehrer habe den Verstand verloren, doch später machte er diesen Moment als die Geburtsstunde der farbenfrohen Tiere in diesem Buch aus. Er widmete es Franz Marc, einem Expressionisten, der ebenfalls gern mit Farben und Formen spielte. Auch unter seinen Werken finden sich blaue Pferde und eine gelbe Kuh. Für ihn waren dies die Wesensfarben dieser Tiere, mit denen er viele Assoziationen verband.

(Sabrina)

Verlag: Gerstenberg

Erscheinungsjahr: 2019

Seitenzahl: 32

ISBN: 978-38369-6002-1

Praxistipp Achtsamkeitsübung/Philosophieren/Kunstgeschichte/Kreativität: 
1. In Hula-Hoop-Reifen werden jeweils Tücher in den Grundfarben ausgebreitet. Wir betrachten nun die einzelnen Farbkreise ganz genau und spüren mal in uns hinein, was diese Farben jeweils mit uns machen und wie wir uns fühlen, wenn wir sie betrachten. Woran erinnern uns diese Farben? Warum? 
2. Wir bitten die Kinder vorbereitete Bildkarten (z.B. Feuerwehr, Briefkasten, Wiese...) in die entsprechenden Farbkreise zu legen und/oder bitten sie weitere Spielzeuge und Gegenstände in diesen Farben zu finden um sie auf den Tüchern zu platzieren.
3. Welche Farbe (reale Erscheinensfarbe) haben eigentlich Igel, Giraffen und Eichhörnchen? - Und welche Farbe haben Pferde? - Wie? Nur schwarz/weiß/braun..? Seid ihr sicher? - Guckt mal, ich habe euch hier ein Buch von einem blauen Pferd mitgebracht!

>> Gemeinsames Betrachten des hier vorgestellten Buchs. 
Nanu, die Tiere sehen ja alle ganz anders aus! - Warum denn wohl?

4. Nun betrachten wir ein Portrait von Eric Carle, dem Künstler, der diese bunten Tiere erstellt hat. Wir erzählen, dass er auch mal ein Kind war und erzählen die Geschichte von den verbotenen Bildern, welche sein Lehrer ihm heimlich zeigte.
5. Wir zeigen den Kindern nun ein Foto von Franz Marc und erwähnen, dass er zu den verbotenen Künstlern zählt und Eric Carle ihm das betrachtete Buch widmete. Dann zeigen wir ihnen seine Werke Blaues Pferd und Die gelbe Kuh. 
6. Wir haben noch mehr Fotos und Bilder der damals verbotenen Künstler:innen mitgebracht, wollt ihr sie sehen?

Mögliche Motive u.a.:
Franz Marc - Blaues Pferd Die gelbe Kuh
Pablo Picasso - Mädchen mit Blumenkranz und Spielzeugschiff, Der Traum
Henri Matisse - Selbstportrait, Der Tanz
Paul Klee - Der Goldfisch, Burg und Sonne
Otto Dix - Katze im Mohn, Weidende Pferde
Ernst Ludwig Kirchner - Davos mit Kirche, Tänzerinnen

Nicht vergessen sollte man hierbei Werke von Künstlerinnen, welche ebenfalls auf den Listen der "entarteten Kunst" standen und u.a. auch dadurch stärker ins Vergessen gerieten: Hilma af Klint - Leonora Carrington -  Hannah Höch - Käthe Kollwitz - Lotte Laserstein - Elfriede Lohse-Wächtler - Paula Modersohn-Becker - Charlotte Salomon - Marianne von Werefkin u.a.

7. Wir sprechen anhand der Werke über den Unterschied zwischen einer Erscheinensfarbe zu einer Wesensfarbe 
8. Rückblende: Vorhin haben wir über die Erscheinensfarbe von Igel, Giraffen und Eichhörnchen gesprochen. Welche Wesensfarbe haben sie wohl?
9. Nun greifen wir zu Pinsel und Farben um unsere Lieblingstiere in ihrer Wesensfarbe darzustellen. - Und wenn wir Lust dazu haben, dann malen wir uns selbst gleich mit dazu. 
Alternativ und weniger gegenständlich: Wir malen ein Gefühl, ein Geräusch oder einen Duft.

 

Empfehlenswerte Links... 

...zum Künstler Eric Carle:

Die kleine Raupe Nimmersatt - Der Künstler Eric Carle:
https://www.die-kleine-raupe-nimmersatt.de/artikel/49/der_k%C3%BCnstler_eric_carle

...zu entarteter Kunst:

Bundeszentrale für politische Bildung - Vor 80 Jahren: Ausstellung "Entartete Kunst":
https://www.bpb.de/politik/hintergrund-aktuell/141166/entartete-kunst-17-07-2017


...zu vergessenen Künstlerinnen:

"Lost Woman Art" - So wurden angesehene Künstlerinnnen zum Verschwinden gebracht. Ein Beitrag von: Judith Heitkamp:
https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/kulturwelt/regisseurin-susanne-radlhof-zu-lost-woman-art-100.html

Portal Kunstgeschichte - Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts: 
https://www.portalkunstgeschichte.de/themen/kuenstlerinnen-des-zwanzigsten-jahrhunderts/