Die graue Stadt (Torben Kuhlmann)

Robin, ein mutiges Mädchen, ist mit ihrem Vater und dem Kater Heinz in eine neue Stadt gezogen. Diese neue Umgebung erscheint ihr trostlos und von einer bedrückenden Monotonie geprägt – alles ist grau. Doch Robin weigert sich, in dieser Tristesse zu versinken. Mit ihrem leuchtend gelben Regenmantel ist sie der lebendige Kontrast zu ihrer Umgebung und symbolisiert damit ihre Sehnsucht nach Farbe, Vielfalt und Lebendigkeit. Mit ihrer Energie bringt sie Licht in die graue Stadt und entdeckt, dass man nur genau hinsehen muss – und vielleicht sogar etwas findet, das die Stadt für immer verändern könnte.

Warum dieses Buch?

Torben Kuhlmanns „Die graue Stadt“ entführt die Leser in eine faszinierende Welt, in der Grau nicht nur eine Farbe, sondern eine Metapher für gesellschaftliche Strukturen und persönliche Herausforderungen darstellt. Schon das Vorsatzpapier zieht mit seiner vermeintlich eintönigen Farbgebung den Blick an: Auf den ersten Blick erscheint alles monoton grau, doch wer genauer hinschaut, kann die Vielfalt der Grautöne entdecken. Diese feinen Nuancen weisen auf die zentrale Botschaft des Buches hin: Wer mit einem achtsamen Blick durchs Leben geht, findet in der vermeintlichen Eintönigkeit unzählige Facetten. Auch der Titel des Buches schimmert subtil auf dem Cover, was die Liebe zum Detail unterstreicht.

In der Geschichte begibt sich das Mädchen Robin auf eine Reise, um die Farben in ihrer grauen Stadt zu finden. Eines Tages wird sie von einem leuchtenden Regenbogen in eine alte Bibliothek geführt. Dort entdeckt sie nicht nur eine bunte Welt zwischen den Buchdeckeln, sondern erfährt auch viel über Farben und das Phänomen des Regenbogens. Während ihre Schule und die Stadt weiterhin grau und monoton erscheinen, erblüht Robins Neugier. Sie schmiedet einen Plan, um der Stadt und ihren Bewohnern die Farben zurückzubringen. Die Geschichte erzählt von dem Ankämpfen gegen die Anpassung und die Monotonie einer Gesellschaft. Ihre Suche kann als Streben nach einer Balance zwischen Individualität und gesellschaftlichen Erwartungen interpretiert werden. Ein besonders starkes Bild ist der Moment, in dem Robin ihren gelben Mantel wendet, um den Erwartungen der Gesellschaft zu entsprechen – ein Sinnbild dafür, wie Kinder oft gezwungen sind, ihre wahre Persönlichkeit zu verbergen, um sich anzupassen.

Kuhlmanns Werk spricht sowohl Kinder als auch Erwachsene an. Die kurzen Kapitel sind dabei ideal für jüngere Leser und eignen sich hervorragend, um Gespräche über schwierige Themen wie den Umzug in eine fremde Stadt, das Gefühl des Alleinseins oder den Neuanfang in einer neuen Schule anzustoßen. Auch das Finden von Freundschaften und das Lernen, seinen Interessen zu folgen, wird auf eine wunderbare Weise thematisiert. Das Buch vermittelt nicht nur Wissen über Farben und Farblehre, sondern spricht auch emotional bedeutsame Themen wie Anpassung und Rebellion gegen gesellschaftliche Normen an. Auf bildhafte und metaphorische Weise werden wichtige gesellschaftliche Themen beleuchtet. Grau steht für Disziplin, Unterordnung und Anpassung – Eigenschaften, denen Robin mit ihrer gelben Jacke trotzt. Während sie nach leuchtenden Farben und einem freieren Leben strebt, reflektiert dieses Streben zugleich das generelle Bedürfnis, den eigenen Platz in einer oft einheitlich wirkenden Gesellschaft zu finden. Besonders in einer Zeit, in der politische und gesellschaftliche Partizipation immer wichtiger wird, kann dieses Buch als ein kindgerechter Einstieg in das Thema „Engagement für eine bunte, demokratische Gesellschaft“ dienen.

Die eindrucksvollen Zeichnungen von Kuhlmann tragen zur atmosphärischen Dichte des Buches bei. Die düsteren Grautöne der Stadt und der leuchtende Kontrast der gelben Jacke von Robin verstärken das Gefühl der Beklemmung und der Hoffnung gleichermaßen. Jede Seite ist ein kleines Kunstwerk, das dazu einlädt, länger zu verweilen und die Details zu entdecken.

Doch das Buch ist nicht frei von Kritik: In Hinblick auf Diversität bleibt es erstaunlich eindimensional. Die einzigen zwei People of Colour, die in der Geschichte auftauchen, sind die „Rebellen“ gegen das System. Dieses Bild könnte als Sinnbild für die Machtstrukturen einer von weißen, cis-männlichen Figuren dominierten Gesellschaft interpretiert werden. Ihre Darstellung greift dabei jedoch gängige Darstellungsformen und Klischees auf (beispielsweise „schwarzer Musiker“). Wobei das Thema des Buchs Gelegenheit bietet wirkliche Diversität in all ihren Formen darzustellen, was leider nicht im möglichen Umfang genutzt wird.

Der Abschluss des Buches, in dem eine vermeintliche Akte der „Grauwerke“ die physikalischen Prinzipien der Lichtbrechung und Farbmischung erklärt, rundet das Werk ab. Es gelingt Kuhlmann, auf lehrreiche und zugleich ästhetische Weise eine Geschichte zu erzählen, die sowohl das Auge als auch den Verstand fesselt. „Die graue Stadt“ ist ein wunderschön illustriertes und zugleich tiefgründiges Buch, das sowohl Kinder begeistert als auch Erwachsene beim Vorlesen anspricht. Es bietet einen spannenden Einstieg in Gespräche über Individualität, Anpassung und die Kraft des eigenen Willens, in einer oft tristen und normierten Welt nach Farbe und Vielfalt zu suchen.

Als Zusatzmaterial ist das Buch auf der Webseite des NordSüd Verlags als Bilderbuchkino verfügbar.

Ein weiteres faszinierendes Buch des Autors und Illustrators ist: „Lindenbergh- Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“ – Preisgekrönt!

Vielen Dank an den NordSüd Verlag für das Zusenden dieses Rezensionsexemplars!

(Hannah)

Verlag: NordSüd Verlag

Erscheinungsjahr: 2023

Seitenzahl: 64

ISBN: 978-3-314-10652-1

Altersempfehlung des Verlags: ab 8 Jahren